Letzte Woche war der Frankfurter Flughafen geschlossen - wegem schlechten Wetter. Die Passagiere mussten für Inlandflüge auf die Bahn umsteigen.
Das erinnerte mich daran, dass ich letzte Woche bei einer Podiumsdiskussion in der Bayerischen Vertretung in Brüssel war, die von Münchener Flughafen finanziert wurde. Der bayerische Finanzminister hatte die Vertreter der Fluggesellschaften, der Flughäfen und der Flugsicherung eingeladen, über die Entwicklung des Flugverkehrs zu diskutieren.
Obwohl sich die Flugzeuglobbyisten oft öffentlich hart angehen (zum Beispiel bezeichnen die Fluggesellschaften die Flughäfen oft als Monpolisten), waren sie sich diesmal erstaunlich einig: der Ausbau der Flughäfen muss vorangetrieben werden, da die Passagier- und die Frachtzahlen rasant steigen werden.
Flughäfen wie München würden dann Schlüsselpositionen zukommen, weil sie als Hub für regionale, nationale und europäische Verbindungen viel Verkehr aus den anderen großen Weltregionen aufnehmen müssen. Daher: ICE-Anschluss und wenn das nicht geht mindestens Transrapid zum Münchener Hauptbahnhof, guter Autobahn-Anschluss, kein Nachtflugverbot und natürlich Ausbau der Kapazitäten.
Das Publikum war reichlich kritisch. Es wurde argumentiert, dass immer mehr direkte Stadt- zu Stadt-Verbindungen angeboten werden und dadurch die Rolle von Hubs abnehmen würde. Ich glaube aber, dass das Argument am Kern der Sache vorbeigeht.
Erstmal ist es so, dass neue Kapazitäten auch immer neue Mobilitätsnachfrage nach sich zieht. Wo eine Autobahn gebaut wird, verlagert sich der Verkehr auf die Strasse, wenn eine Eisenbahnstrecke gebaut wird, dann wird die Schiene attraktiver. Natürlich nicht automatisch, dafür müssen die Verkehrsträger auch attraktiver sein.
Aber wenn ein Flughafen ausgebaut wird, ist es logisch, dass dann auch das Verkehrsaufkommen steigen wird. Angenommen ein Flughafenausbau wird nicht durchgeführt, dann werden die Slots fürs Landen und Starten teurer und ein Teil des Verkehrs wandert ab, ein Teil des Verkehrs verlagert sich auf andere Verkehrswege.
In Lettland zum Beispiel kostet ein Inlandsflug über 150km von Riga an die Ostsee nur ca. 1,50 Euro - da muß man sich nicht wundern, dass andere Verkehrsträger keine Chance haben.
Sicherlich, der Staat hat ja nicht nur eine Erziehungsaufgabe. Aber spannend war schon, dass die Diskutanten ihre eigene Mobilitätsgrenze bei 500km sahen - wenn ein Ziel weniger als 500km entfernt ist, benutzen sie das Auto oder die Bahn, wenn es mehr als 500km entfernt ist, das Flugzeug.
Angesichts schnellerer Bahnverbindungen ist es aber fragwürdig, ob das Mobilitätsverhalten noch repräsentativ ist. In der Bahn kann man entspannter arbeiten - zum Beispiel hat man im Idealfall gleich beim Losfahren Strom und kann damit am Laptop arbeiten. Versuchen Sie mal mit ihrem Laptop zwischen Check-In und “Das Anschnall-Zeichen-ist-jetzt-erlöscht” zu arbeiten. Weder bei dem langen Gang zum Gate, noch beim Security-Check, noch beim Boarding, noch beim Take-Off, noch beim Steigflug können Sie den Laptop benutzen. Das ist immerhin eine ganze Stunde, die man doof herumsteht. Und beim Landen ist es ja genau das gleiche.
Wenn eine Bahnstrecke also sieben Stunden (Berlin-Brüssel) und der Flug zwei Stunden dauert, aber inklusive Anreise und Abreise vier Stunden dauert und man zwar drei Stunden schneller da ist, aber nur diese drei Stunden zum Arbeiten hat, während man sonst gemütlich sieben Stunden arbeiten konnte, dann ist schon ziemlich klar, welches Verkehrsmittel attraktiver ist.
Ich finde es unverständlich, dass die Lobbyisten des Flugverkehrs mit einem solchen antiquierten Verständnis von Mobilität daher kommen. Hallo, schon mal was von LOHAS gehört? Das sind Leute, deren Mobilität nachhaltigund angenehm sein soll - eben Nachhaltigkeit als Lebenstil. Das sind keine Ökos mit Jutetaschen, sondern Leute, die keinen Bock haben auf die antiquierten Mobiltitätsvorstellungen der Ewiggestrigen. Komisch, dass die Flugindustrie diese Zielgruppe noch nicht entdeckt hat.
Und nicht zuletzt: wenn der Frankfurter Flughafen aufgrund des Klimawandels in zehn Jahren an 40 Tagen wegen Unwetter, Sturm, schwerem Hagel, schwerem Schneefall geschlossen sein wird, werden sich die Geschäftsleute gut überlegen, ob sie nicht lieber gleich mit der Bahn fahren sollen. Die kann nämlich auch bei Hagel fahren.
Leseempfehlung: Ein interessanter FR-Artikel zu “Mediations”-Kritik beim Ausbau des Frankfurter Flughafen und die Replik dazu im ADR-Blog.